Blood revange – Etappe 6 (19.-21.7.) – AL

Für die nächsten zwei Tage verschlägt es uns ins abgeschiedene Theth-Tal im Nordosten Albaniens. Hier befinden sich eine Hand voll Siedlungen aus Steinhäusern, umgeben von mehreren Zweitausendern. Das Tal ist im Winter und während längerer Regenschauer von der Umwelt abgeschnitten. An einer Straße von Shkoder aus wird aber emsig gebaut. Sehr zu meinem Leidwesen, da ich gerne die Offroadfähigkeit unseres Rangers testen wollte. Aber dazu später…

Im Sommer verwandelt sich das Tal hingegen in einen Hotspot für Wandertouristen aus der ganzen Welt und die Einwohner Theths vermieten ihre Häuser als Guesthouses. In einem davon beziehen auch wir unser Quartier. Auch wenn die Standards nicht allzu hoch sind, wird dies durch Gastfreundschaft und das gute Essen wettgemacht. Gleich am ersten Abend lassen wir uns frische Forelle servieren und aufgrund eines kleinen Missverständnisses werden uns auch gleich fünf Beilagen serviert. Der Platz am Tisch reichte gerade noch so.

Wie auch bei den bisherigen Standplätzen hat sich Emily auch hier wieder sofort mit den Tieren am Hof angefreundet. Dieses Mal waren es gleich vier Hunde, welche sie ins Herz geschlossen hat.

Tag Zwei nutzten wir für ausgiebige Erkundungen des Ortes Thethi und für eine Wandertour. Im Ort selbst entdeckten wir den für uns interessantesten Fleck, nämlich den Blutracheturm. Dieser diente in der Vergangenheit als Zufluchtsort für von der Blutrache verfolgte Männer, welche sich vor dem sogenannten Kanun in Sicherheit bringen konnten. Der Kanun ist ein in manchen Teilen Albaniens – so auch hier im Theth-Tal – gültiges Gewohnheitsrecht, welches in unzähligen Paragrafen das Leben in den rauen Bergregionen regelt. Insbesondere ist der Ehrbegriff ein wichtiger Teil des Kanun. So gilt auch hier weiterhin die veraltete Vorstellung von Ehre, bei der ein Mord nur durch einen Mord gesühnt werden kann. Die Polizei zieht sich in solchen Fällen dezent zurück. Ausgangspunkt sind dabei immer die Familien bzw. Sippen des jeweils Geschädigten und des Schädigers. Solange die Patriarchen der Familien nicht eine Einigung aushandeln (was mitunter oft Jahre dauern kann) kann der Schädiger bzw. Mörder, als auch seine sämtlichen männlichen Familienmitglieder nicht mit Sicherheit erwarten, nicht auch ermordet zu werden. So erzählte uns unser Kellner, dass erst unlängst ein 14jähriges Mädchen, deren männlichen Familienmitglieder getötet wurden, Blutrache nahm. Und zwar auf ihrem Mopedroller mittels eines filmreifen „Drive by shoot“, bei dem sie die Familienmitglieder des Mörders tötete. Ob es der Familienehre noch etwas gebracht hat, ist fraglich.

Früher diente der Blutracheturm jedenfalls als sicherer Ort, heute sind es die Häuser selbst. So verschanzen sich aktuell in Albanien hunderte Männer und männliche Jugendliche in ihren Häusern und trauen sich nicht auf die Straßen, solange keine Einigung erzielt wurde. Solch eine Einigung kann zum Beispiel darin bestehen, dass der Mörder ganz allein in ein anderes Tal ziehen muss. So erklären sich auch einige Häuschen in völlig unwegsamen Gelände.

Apropos unwegsames Gelände: In ein solches haben wir heute unseren Ford Ranger ausgeführt. Um nicht die ganzen 10 km zum Siri Kalter (Blue Eye) wandern zu müssen, haben wir vorgehabt die ersten Kilometer mit dem Auto zu fahren. Allerdings wurde die „Straße“ – oder wie auch immer man einen durchgehenden Steinhaufen nennen kann – für uns dann doch etwas zu heftig, sodass wir den Rest zu Fuß unterwegs waren. Die mitunter recht anstrengende Wanderung zum Blue Eye hat sich dann aber jedenfalls bezahlt gemacht.

Da Emily schon ziemlich am Ende war haben wir kurzerhand einen Einheimischen für einen kleinen Obolus gebeten, uns zu unserem stehen gelassenen Auto zurückzufahren. Ein kleiner Eindruck über den materialschonenden Umgang mit dem uralten Land Rover zeigt das abschließende Video:

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